Am 01. November 2026
Am Nachmittag des Festes Allerheiligen gehen viele von uns auf den Friedhof. Wir besuchen die Gräber unserer Verstorbenen. In den Tagen zuvor waren die Gräber geschmückt worden, neu eingepflanzt, mit Blumen, mit frischem Grün. Lichter werden entzündet. Wir denken an unsere Verstorbenen. Wir schauen auf ihr Leben, in der Erinnerung. Wir spüren, wie sie uns fehlen. Wir trauern um sie. Wir danken Gott, dass er sie uns geschenkt hat. Wir glauben und hoffen, dass sie jetzt in Gott geborgen sind, im ewigen Leben.
Woher nehmen wir die Gewissheit, dass es dieses ewige Leben wirklich gibt? Einen Beweis dafür kenne ich nicht. Aber Hinweise darauf, die gibt es schon, Hinweise aus unserer Erfahrung und Hinweise aus der Bibel. Jesus ist gestorben. Drei Tage danach sagen seine Jünger und seine Jüngerinnen: Er lebt, wir haben ich gesehen, er hat mit uns gesprochen. Sind die Personen, die das bezeugen, glaubwürdig? Simon Petrus? Die Zwölf, die man später Apostel nennt? Paulus? Maria Magdalena? Jesus sagt im Johannesevangelium: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Hinweise aus der Heiligen Schrift, für ewiges Leben. Auch unsere eigene Erfahrung gibt uns Hinweise, Zeichen, starke Zeichen. Ein Zeichen: Unsere Verstorbenen waren uns im Leben wichtig und sie sind uns immer noch wichtig, über den Tod hinaus. Was uns mit ihnen verbindet, das ist mit dem Tod nicht zu Ende gegangen. Die Liebe, die uns mit unseren Verstorbenen verbindet, sie endet nicht mit dem Tod. Sie reicht über den Tod hinaus. Sie ist stärker als der Tod. Sie reicht weit hinein in die Ewigkeit. Die Liebe hört niemals auf, sagt der Apostel Paulus. Der Sinn des Lebens ist erfüllt, wo Liebe ist. Das ist unser Jahresthema. Das Wort geht auf den Theologen Dietrich Bonhoeffer zurück. Wir vertrauen auf dieses Wort. Der Sinn des Lebens ist erfüllt, wo Liebe ist. Sie ist stärker als der Tod. So vertrauen wir darauf: Auch Gottes Sorge und Hilfe enden nicht an der Schwelle des Todes. Er kann Leben schenken über dieses irdische Leben hinaus. Einen strengen Beweis für das ewige Leben kenne ich nicht. Aber es gibt Hinweise, Zeichen, viele Zeichen, starke Zeichen. Wenn wir sie alle zusammennehmen, dann sind sie noch stärker. Dann stärken sie unsere Gewissheit. Menschen, die sterben, sind geborgen in Gott, im ewigen Leben. Der englische Theologe und spätere Kardinal John Henry Newman, er lebte im 19. Jahrhundert, er sagt: In unserem Leben ist es oft so. Nur in wenigen Fragen haben wir Antworten, die auf strengen Beweisen beruhen. Oft sind es viele Hinweise, Zeichen, Indizien, aus denen wir unsere Gewissheiten gewinnen. Wir haben die geistige Fähigkeit, einzelne Hinweise, Zeichen, Indizien zu bündeln, so wie man aus vielen einzelnen Schnüren ein dickes Seil herstellt, ein Tau, das fest ist, das trägt und hält. Newman nennt diese geistige Fähigkeit: Folgerungssinn, Illative sense. Gerade in Fragen des Glaubens brauchen wir diesen Folgerungssinn, den Illative sense. Durch ihn gewinnen wir Gewissheit. Er führt uns zur Wahrheit, vor allem dort, wo wir keine Beweise haben. Heute an Allerheiligen lautet diese Wahrheit: Die Liebe, die uns mit unseren Verstorbenen verbindet, ist stärker als der Tod. Unsere Verstorbenen sind geborgen in Gott, im ewigen Leben. Der Sinn des Lebens ist erfüllt, wo Liebe ist.
Pfarrer Dr. Bernhard Lackner
Bildnachweise:
- Kardinal Newman ist sich seiner Auferweckung von den Toten sicher - KI-generiert

