Am 11. Januar 2026
I. Szene – Die alte Tasse Sie steht immer noch im Regal. Verfärbt vom Tee. Riss im Henkel. „Lieblingstasse“, sagt Anna, und meint: „Gewohnheit“. Jeden Morgen dasselbe Ritual: Tee, Stille, scrollen am Handy, seufzen. Ein neues Jahr – das klingt eigentlich nach Hoffnung, aber für Anna fühlt es sich an wie Wiederholung. Neues Jahr – altes Gefühl. Die Nachrichten erzählen vom Alten, das einfach nicht vergeht. Kriege, Krisen, Klima. Und dazwischen ihr eigenes kleines Karussell: Einkaufsliste, unbeantwortete Mails, die Sorge um die Mutter. „Neues Jahr – und doch bleibt alles beim Alten“. Dann bleibt ihr Blick an einem Satz hängen, irgendwo zwischen Kerze und Weihnachtsstern: „Siehe, ich mache alles neu.“ Er steht da auf der Karte, die sie von ihrer Kirchengemeinde zu Weihnachten bekommen hat. Sie seufzt und sagt zu Gott:. „Mach doch. Wenn du kannst.“ Und vielleicht – nur ganz vielleicht – hört jemand zu. II. Szene – Der Wind In der Nacht träumt Anna. Ein Wind, der durch ihr Zimmer zieht. Sanft erst, dann kräftiger. Er weht die Staubkörner von den Ecken, die Sorgen vom Herzen. Der Wind geht durch ihre Haare, ihre Haut, durch ihre Angst. Und eine Stimme sagt kaum hörbar, aber deutlich genug, dass sie weiß, es ist an sie gerichtet: „Siehe, ich mache alles neu!“ Am Morgen, als Anna aufwacht, ist alles wie vorher. Die Tasse steht noch da. Aber für Anna sieht der Riss in der Tasse anders aus. Nicht mehr wie ein Makel, sondern wie eine Öffnung - offen für etwas Neues. III. Szene – Der Gott mit den schmutzigen Händen und Gott als Komponistin Manchmal stellt sich Anna Gott vor wie einen Restaurator. Nicht auf einer Wolke, sondern über einem Arbeitstisch. Die Ärmel hochgekrempelt, Farblecken im Gesicht. Einer, der nicht aufgibt, wo andere längst sagen: „Das ist kaputt.“ Er beugt sich über die Menschen, über die Welt, über Anna. Nicht um alles glatt zu machen, sondern um Leben wieder sichtbar zu machen, das unter dem Staub verborgen liegt. Gott zaubert die Risse nicht weg. Er schaut sie an, mit großen, gnädigen Augen, und sagt: „ „Schau – das gehört zu dir. Diese Risse erzählen, was du erlebt hast. Sie sind Teil deiner Geschichte.“ Und dann pustet Gott den Staub fort, von dem, was längst in uns liegt, und sagt: „Sieh hin. Es lebt.“ Anna sieht, wie etwas aufleuchtet. Nicht grell, sondern wahr, golden, lebendig. Und plötzlich kommt es ihr vor, als hörte sie Musik. Ganz leise zuerst. Wie ein Grundton, der sich durch alles zieht. Vielleicht, denkt sie, ist Gott gar kein Restaurator. Vielleicht ist sie eine Komponistin. Eine, die unsere Brüche nicht übertönt, sondern sie aufnimmt – als Teil der Melodie..“ Sie sitzt am großen, unaufgeräumten Tisch der Welt. Vor ihr liegen Bruchstücke aus Leben: Erfolge, Fehlern, Pausen und Unstimmigkeiten. Gott nimmt sie in die Hand und hört hinein. Da ist der Ton der Angst. Der Ton der Müdigkeit. Der Ton der Freude. Der Ton der Sehnsucht. Und Gott fängt an zu spielen. Nicht, indem sie das Alte auslöscht, sondern indem sie Neues dazulegt. Eine zweite Stimme, die mitschwingt, die das Bruchhafte nicht versteckt, sondern verwandelt. Der Riss wird zur Pause, der Bruch zum Rhythmus, das Unfertige zur Klangfarbe der Hoffnung. Und während sie spielt, scheint etwas durch, das vorher nicht da war: ein Goldton zwischen den Tönen. Anna sieht es vor sich: Wie die Komponistin den Riss mit Gold ausgießt. Nicht, um ihn zu verbergen, sondern, damit er leuchtet. Vielleicht ist das, was Gott meint, wenn sie sagt: „Siehe, ich mache alles neu.“ Nicht: Ich mache alles ungeschehen. Sondern: Ich komponiere mit euch weiter. Mit Gold in den Brüchen. Und manchmal klingt das Neue einfach anders, als wir dachten. IV. Szene: Schluss Anna steht in der Küche. Der Tee ist längst kalt geworden. Sie schaut auf den Riss in der Tasse, der im Licht leuchtet. Sie denkt an den Satz: „Siehe, ich mache alles neu.“ Und sie merkt: Neu heißt nicht nur anders. Neu heißt: lebendig. Neu heißt: Gott ist mit uns noch nicht fertig – nicht mit ihr, nicht mit der Welt, nicht mit dem, was Risse hat und trotzdem hält. Sie stellt die Tasse zurück ins Regal. Atmet. Draußen rauscht der Wind. Und für einen Moment klingt es, als würde Gott weiterspielen – mitten in allem, was noch unvollendet ist. Amen.
Pfarrerin Miriam Bauer
Fotos: Wolfgang Feilen

