Am 08. März 2026

wahl sw

 

Wir wollen das Evangelium verstehen, Jesus und die Samariterin am Jakobsbrunnen. Wir stellen vier Fragen. Die erste: Was ist tatsächlich geschehen, damals vor fast 2000 Jahren, im Heiligen Land, in Sychar, in Samarien, am Jakobsbrunnen? Diesen Brunnen gibt es wirklich. Als Student hatte ich zwei Mal die Gelegenheit, ins Heilige Land zu reisen, was heute schwierig ist, gefährlich, fast unmöglich.

Zusammen mit einer Gruppe Studenten habe ich den Jakobsbrunnen besucht. Er existiert. Juden und Samariter sind keine Freunde, im Gegenteil; sie gehen einander aus dem Weg. Juden verkehren nicht mit den Samaritern. So steht es im Evangelium. Wir kommen zur zweiten Frage: Was sagt uns das Evangelium über unseren Glauben an Gott, an Jesus Christus? Jesus spricht mit einer Samariterin. Er bittet sie sogar, ihm zu trinken zu geben. Damit überwindet er eine zweifache Grenze. Juden verkehren nicht mit Samaritern. Jesus tut es. Er überwindet damit die Grenze, die zwei verfeindete Völker trennt. Und Jesus, ein Mann, spricht eine fremde Frau an. Das war und ist im Orient nicht vorgesehen, dass ein Mann eine fremde Frau anspricht, mit der er nicht verheiratet oder verwandt ist. Jesus überwindet eine zweifache Grenze. Warum tut er das? Er sieht die Not der Frau und ihre Sehnsucht. Sie sucht nach Antworten auf ihre Fragen. Sie sucht nach Glauben. Sie sucht nach Gott. So wie jemand, der Durst hat, nach Wasser sucht, sich einen Schluck Wasser wünscht. Die Geschichte wendet sich. Nicht mehr Jesus ist es, der Durst hat und sich etwas zu trinken wünscht. Jetzt ist es die Frau, die dürstet, nach lebendigem Wasser, nach Wasser, das Leben schenkt. Jesus kann ihr dieses Wasser geben. Es folgt die dritte Frage: Was sollen wir tun? Jesus hat Grenzen überwunden, Grenzen, die Menschen trennen, Grenzen zwischen Völkern, die miteinander verfeindet sind, Grenzen, die in der Gesellschaft vorgegeben sind. Können wir das auch? Wir können es, zumindest ein Stück weit. Wasser, lebendiges Wasser, ist das zentrale Thema im heutigen Evangelium. Wasser, lebendiges Wasser, wir denken an die Taufe. Durch die Taufe sind alle Christen miteinander verbunden, weltweit 2,5 Milliarden Christen. Wir sind die größte Religionsgemeinschaft. Gerhard Lohfink war Professor für Neues Testament in Tübingen. Er hat gesagt: Wir Christen können so etwas wie eine Kontrastgesellschaft sein. Wir können beispielhaft vorleben, wie Leben gelingen kann. Wir können einander auf Augenhöhe begegnen, Frauen und Männer, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Menschen unterschiedlicher Herkunft und Bildung, Menschen aus verschiedenen Kulturen und mit vielen verschiedenen Sprachen. Alle diese Unterschiede sind für uns keine Grenzen, weil uns alle eines verbindet: der Glaube an Jesus Christus, besiegelt in unserer Taufe, besiegelt durch lebendiges Wasser, durch Wasser, das Leben schenkt. Kirche als Kontrastgesellschaft zu dem, was sonst in unserer Welt gilt, wenn uns das gelingt, werden andere Menschen, die nicht Christen sind, das sehen, staunen und sagen: So möchten wir auch leben. Wir schließen mit der vierten Frage: Was dürfen wir hoffen? Was wird sein, ganz am Ende, im Himmel? Da gibt es keine Grenzen mehr zwischen Juden und Samaritern, zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Ukrainern und Russen, zwischen Amerikanern und Iranern. Aus Feinden werden Freunde.

Pfarrer Dr. Bernhard Lackner

Bildnachweise:

  • Christus und die Samariterin am Brunnen - Johann König 16 Jhd